Klassifikationen

Die Autismus-Spektrumsstörung wir durch wird durch Klassifikationssysteme wie DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Klassifikationssystem der American Psychiatric Association) und ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, herausgegeben von der WHO) diagnostiziert. Beide Systeme stellen wir hier vor.

DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders)

Im DMS-IV (zu deutsch: „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“)  ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (Amerikanische Psychiater-Vereinigung). In ihr wird der frühkindliche Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet und mit folgenden Kriterien beschrieben:

Es müssen mindestens sechs Kriterien aus 1, 2 oder 3 zutreffen, wobei mindestens zwei Punkte aus 1 und je ein Punkt aus 2 und 3 stammen müssen:

1. qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion in mindestens zwei der folgenden Bereiche:

  • ausgeprägte Beeinträchtigung im Gebrauch vielfältiger nonverbaler Verhaltensweisen wie zum Beispiel Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen
  • Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen
  • Mangel, spontan Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderen Menschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder darauf hinzuweisen
  • Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit


2. qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  • verzögertes Einsetzen oder völliges Ausbleiben der Entwicklung von gesprochener Sprache (ohne den Versuch zu machen, die Beeinträchtigung durch alternative Kommunikationsmöglichkeiten wie Gestik oder Mimik zu kompensieren)
  • bei Personen mit ausreichendem Sprachvermögen deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen oder fortzuführen
  • stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache oder idiosynkratische Sprache
  • Fehlen von verschiedenen entwicklungsgemäßen Rollenspielen oder sozialen Imitationsspielen


3. beschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  • umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, wobei Inhalt und Intensität abnorm sind
  • auffällig starres Festhalten an bestimmten nichtfunktionalen Gewohnheiten oder Ritualen
  • stereotype und repetitive motorische Manierismen (z.B. Biegen oder schnelle Bewegungen von Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers
  • ständige Beschäftigung mit Teilen von Objekten


4. Beginn vor dem dritten Lebensjahr und Verzögerung oder abnorme Funktionsfähigkeit in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  • soziale Interaktion
  • Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder
  • symbolisches Spiel oder Phantasiespiel

4. Die Störung kann nicht besser durch das Rett-Syndrom oder die Desintegrative Störung im Kindesalter erklärt werden.

ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems)

In der ICD-10 wird der frühkindliche Autismus ebenfalls zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Er ist darin definiert durch:

  • eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung, die sich vor dem dritten Lebensjahr manifestiert
  • eine gestörte Funktionsfähigkeit in den Bereichen der sozialen Interaktion und der Kommunikation sowie durch eingeschränktes repetetives Verhalten
  • Die Störung tritt bei Jungen drei- bis viermal so häufig auf als bei Mädchen.


Die Diagnosekriterien (Forschungskriterien) der ICD-10 lauten im Einzelnen:

1. Vor dem dritten Lebensjahr manifestiert sich ein auffällige und beeinträchtigte Entwicklung in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  • rezeptive oder expressive Sprache, wie sie in der sozialen Kommunikation verwandt wird
  • Entwicklung selektiver sozialer Zuwendung oder reziproker sozialer Interaktion
  • funktionales oder symbolisches Spielen

2. Insgesamt müssen mindestens sechs Symptome von 1, 2 und 3 vorliegen, davon mindestens zwei von 1 und mindestens je eins von 2 und 3:

2.1. Qualitative Auffälligkeiten der gegenseitigen sozialen Interaktion in mindestens drei der folgenden Bereiche:

  • Unfähigkeit, Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik zur Regulation sozialer Interaktionen zu verwenden
  • Unfähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen (in einer für das geistige Alter angemessenen Art und Weise trotz hinreichender Möglichkeiten)
  • Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer Beeinträchtigung oder devianten Reaktion auf die Emotionen anderer äußert; oder Mangel an Verhaltensmodulation entsprechend dem sozialen Kontext; oder nur labile Integration sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltens
  • Mangel, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderen Menschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder zu erklären)

2.2. Qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  • Verspätung oder vollständige Störung der gesprochenen Sprache, die nicht begleitet ist durch einen Kompensationsversuch durch Gestik oder Mimik als Alternative zur Kommunikation (vorausgehend oft fehlendes kommunikatives Geplapper)
  • relative Unfähigkeit, einen sprachlichen Kontakt zu beginnen oder aufrecht zu erhalten (auf dem jeweiligen Sprachniveau), bei dem es einen gegenseitigen Kommunikationsaustausch mit anderen Personen gibt
  • stereotype und repetitive Verwendung der Sprache oder idiosynkratischer Gebrauch von Worten oder Phrasen
  • Mangel an verschiedenen spontanen Als-ob-Spielen oder (bei jungen Betroffenen)I sozialen Imitationsspielen

2.3. Begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  • umfassende Beschäftigung mit gewöhnlichen mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, die in Inhalt und Schwerpunkt abnorm sind, es kann sich aber auch um ein oder mehrere Interessen ungewöhnlicher Intensität und Begrenztheit handeln
  • offensichtlich zwanghafte Anhänglichkeit an spezifische, nicht funktionale Handlungen oder Rituale
  • stereotype und repetitive motorische Manierismen mit Hand- und Fingerschlagen oder Verbiegen, oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers
  • vorherrschende Beschäftigung mit Teilobjekten oder nicht funktionalen Elementen des Spielmaterials (z.B. ihr Geruch, die Oberflächenbeschaffenheit oder das von ihnen hervorgebrachte Geräusch oder ihre Vibration)

 

3. Das klinische Bild kann nicht einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung zugeordnet werden, einer spezifischen Entwicklungsstörung der rezeptiven Sprache (F80.2) mit sekundären sozio-emotionalen Problemen, einer reaktiven Bindungsstörung (F94.1), einer Bindungsstörung mit Enthemmung (F94.2), einer Intelligenzstörung (F70-72), mit einer emotionalen Störung oder Verhaltensstörung, einer Schizophrenie (F20) mit ungewöhnlich frühem Beginn oder einem Rett-Syndrom (F84.2)